Ariel Reichman
In Limbo
21. September – 22. November 2020

Eröffnung: Sonntag, 20. September, 11–15 Uhr

 

Mit „In Limbo“ zeigt der Kunstverein Arnsberg die erste institutionelle Einzelschau von Ariel Reichman in Deutschland. Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl von Arbeiten aus den letzten zehn Jahren, die zunächst an Minimalismus und Pop-Art erinnern, aber auf konzeptueller Ebene die persönliche Geschichte und die jüdische Identität des Künstlers aufgreifen. Immer wieder dienen Reichman konkrete kulturelle, religiöse oder politische Aspekte als Anlass, um durch Abstraktion und poetische Gleichnisse Reflexionsräume zu eröffnen. Der ursprüngliche Hintergrund bleibt dabei nur noch vage zu erkennen. Im Zentrum steht neben den Gemälden, Zeichnungen, Fotos und Installationen in der Ausstellung, die Außenskulptur „Playground“, die für ein Jahr im Ruhrtal unweit des Kunstvereins installiert wird.

 

Der Titel „In Limbo“ (engl. für „in der Schwebe“) versteht sich sinnbildlich für die bewegte Biografie des Künstlers – für das unstete Sein zwischen verschiedenen Staaten, Kulturkreisen und Religionen. Ariel Reichman wurde 1979 in Südafrika geboren, wuchs dort als Kind während der Apartheid auf, emigrierte 1991 mit seiner Familie nach Israel und zog schließlich 2006 nach Berlin. Die ersten Räume der Ausstellung konzentrieren sich auf Details jüdischer Kultur und des Alltags in Israel. So geben beispielsweise Aufnahmen von Perücken („Portrait of my Mother“, 2019) ein Stück intime Familiengeschichte preis. Die Fotografien werden zu metaphorischen Porträts: Als verheiratete Frau und gemäß der jüdisch-orthodoxen Religion pflegt Reichmans Mutter, ihr Haar außerhalb des Hauses mit Perücken zu bedecken. Zu sehen ist also ein symbolisch aufgeladenes Accessoire ihres öffentlichen Erscheinungsbildes, das für den Unwissenden unsichtbar und unbedeutend bleibt. Was die Fotos darüber hinaus demonstrieren, ist, wie Reichman seine jüdisch-orthodoxe Prägung mit seiner künstlerischen Praxis vereint: Das Bildverbot aus dem Tanach befolgend, sind Personen in seinen Arbeiten nur symbolisch repräsentiert. 

 

Doch nicht nur das familiäre Umfeld des Künstlers, sondern auch das Leben mit dem Krieg, wie es in Israel zum Alltag gehört, hat Reichman nachhaltig beeinflusst. In seinen Arbeiten lässt sich die stete Auseinandersetzung mit Leben und Tod erkennen, für die der Künstler immer wieder neue, poetische Motive findet. Davon zeugen auch die Installationen „Hold Me“ (2015) und „The last (last) light“ (2019/2020), die beide unmittelbaren Bezug auf Werke von Felix Gonzalez-Torres nehmen. Gleich am Eingang der Ausstellung fordern handgroße, zu einem Haufen gestapelte Steine die Besucher*innen durch die Gravur „HOLD ME“ auf, sie aufzunehmen und mit sich durch die Ausstellung zu tragen. In ihrer Gesamtheit bilden sie das Körpergewicht Ariel Reichmans ab. Die Installation „The last (last) light“ erscheint dagegen ungleich fragiler: Die Lichterkette mit schwarzen Glühbirnen dient kaum noch als Leuchtmittel, während die Glühdrähte rot hervortreten und an das Innenleben des menschlichen Körpers, an Blutgefäße, erinnern. Reichman zeigt hier ein Sinnbild für die letzten Momente eines Lebens, für die Jahre, Tage oder Stunden vor dem Moment, in dem das Licht endgültig erlischt. 

 

Die letzten Räume leiten schließlich einen Themenkomplex ein, dem auch „Playground“ zuzuordnen ist. Reichman, der selbst als Soldat in der israelischen Armee gedient hat, untersucht das militärische Umfeld auf seine formalen Qualitäten: Mitten im Ausstellungsraum verweist die Cartoon-artige Nachbildung eines Einschusslochs („1, 2, 3, Boom“, 2016/2020) auf die militärischen Übungsbasen, in denen sie zu finden sind. Idealisierte Landschaftsbilder („Military Landscapes“, 2020) lassen die Hintergründe verschiedener, israelischer Artilleriewappen als Pop-Ikonen erscheinen. Der Blick in den Himmel zeigt die Umrisse von Gaswolken, die nach der Explosion von Raketen entstehen („Clouds“, 2016).

 

Am Ende sind auch die Besucher*innen eingeladen, sich in einem ursprünglich militärischen Umfeld zu erproben. Im Garten des Kunstvereins wird mit einem Feld aus Autoreifen das erste Element der Außenskulptur „Playground“ installiert. Drei weitere Stationen – ein Feld aus Hüpfpalisaden, eine Sprungwand und mehrere, hintereinander gestaffelte Mauern – finden sich im Ruhrtal circa einen Kilometer vom Kunstverein entfernt. Eingebettet in die idyllische Flusslandschaft lässt sich dort kaum noch erahnen, dass sich Reichman mit seinen Außenskulpturen an militärischen Trainingslagern orientiert. Sie erscheinen ihrem ursprünglichen Kontext vollkommen entrissen und halten für Besucher*innen und Passanten dennoch eine Erkenntnis bereit, die spielerisch gewonnen werden kann: Wer die Mauern und Palisaden überquert, kann durch die eigene, körperliche Erfahrung einen Bezug zur Realität junger Israelis herstellen, die – gleich welchen Geschlechts – drei Jahre Militärdienst absolvieren müssen. Wer nicht turnen will, kann sich über den QR-Code auf einer eigens für das Projekt eingerichteten Homepage über die Hintergründe informieren. Online soll dann auch dokumentiert werden, wie die Installation performativ aktiviert wird.

 

Im Rahmen der Ausstellung werden die Skulpturen außerdem in Kooperation mit Verein Krav Maga Arnsberg e.V. bespielt. In speziell auf die Kunstwerke abgestimmten Trainings und Schnupperkursen kann das israelische Selbstverteidigungssystem Krav Maga erprobt werden, das ebenfalls zur Ausbildung im israelischen Militärdienst gehört und in Deutschland seit mehreren Jahren vor allem als Fitness- und Selbstverteidigungstraining rege Verbreitung findet. (Die Termine werden auf der Homepage des Kunstvereins bekannt gegeben. Das erste Training findet im Rahmen der Eröffnung statt. Eine Anmeldung vorab ist erforderlich.)

 

Unser herzlicher Dank für die freundliche Unterstützung bei der Realisierung des Projektes „Playground“ gilt tollerei. Für die Förderung der Ausstellung danken wir herzlich dem Hochsauerlandkreis und der Stadt Arnsberg.

 

Kuration & Text: Lydia Korndörfer

Ariel Reichman, Oranges, 2016 © Der Künstler und PSM, Berlin